Ist Privatsphäre noch zeitgemäß?

Ist Privatsphäre noch zeitgemäßDiese provokative Frage wurde vor kurzem in einem Artikel des Magazins Stern gestellt und bei näherer Betrachtung ist es schon erstaunlich, welche Koalitionen sich innerhalb dieser Debatte bilden. So vertreten Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wie auch einzelne Mitglieder der durch die Berlin-Wahl bundesweit bekannt gewordene Piratenpartei die Auffassung, dass die Privatsphäre ein Auslaufmodell sei und der Datenschutz ausgedient habe.

Wer kennt sie nicht: Facebook, StayFriends oder wer-kennt-wen. Soziale Netzwerke erobern eine ganze Generation und entwickeln sich in rasender Geschwindigkeit zum zentralen Kommunikationsort, wo Nutzer ihre Gedanken und ihre Interessen der Online-Community mitteilen und elektronische Kontakte knüpfen. Auch wenn einige Nutzer augenscheinlich ihr gesamtes Leben im Internet ausbreiten, darf dies natürlich nicht zum Verlust der Privatsphäre für alle führen. Es zeigt sich anhand aktueller Beispiele, dass gerade in Zeiten der Ausbreitung „sozialer Netzwerke“ Vorsicht geboten ist.

Ein Jura-Student führt derzeit medienwirksam zusammen mit einer Initiative namens „Europe against Facebook“ Klage gegen das mächtige soziale Netzwerk, welches immerhin eine stattliche Anzahl von rund einer Milliarde Mitglieder aufweist. Der Vergleich David gegen Goliath drängt sich förmlich auf, auch wenn man noch nicht sagen kann, ob der vermeintlich Schwächere hier ebenfalls die Oberhand behalten wird.

Worum geht es bei dem Streit?

Facebook, so die Behauptung der Studenten, soll persönliche Daten seiner Nutzer nicht gelöscht, sondern nur deaktiviert haben, obwohl diese ausdrücklich um die Löschung gebeten hätten. Bei den fraglichen Daten handelt es sich um Markierungen in Fotos, gelöschte Freunde, abgelehnte Freundschaftsanfragen, gelöschte Nachrichten, Anstupsen, geänderte Nutzernamen und gelöschte E-Mail-Adressen. Zudem soll Facebook trotz Aufforderung nur einen Teil der Nutzerdaten herausgegeben haben.

Nach dem deutschen Grundgesetz hat jeder das Recht auf eine freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Dieses „allgemeine Persönlichkeitsrecht“ hat viele Ausprägungen. Es gibt zum Beispiel vor, dass es Datenschutzrechte gibt, also dass nicht jeder beliebig personenbezogene Daten anderer erheben, speichern und verwenden darf. Aufgrund dessen sind sich die bundesdeutschen Datenschutzbeauftragten zumindest einig, dass die Klage der Studenten Aussicht auf Erfolg haben dürfte.

Wie auch immer das Verfahren ausgehen wird, eines ist sicher. Die nunmehr bekannte Speicherpraxis bedeutet, dass Facebook-Nutzer für immer mit Menschen oder Organisationen in Verbindung gebracht werden könnten, nur weil sie einmal eine Freundschaftsanfrage erhalten, aber abgelehnt haben. Außerdem speichert Facebook Da¬ten von Menschen, die gar nicht Mitglied der Plattform sind. Es handelt sich um Schattenprofile die ohne Wissen der Nutzer entstehen, wenn sie beim Besuch einer Homepage den „Gefällt-mir“-Button klicken. Dies sollte man beim Surfen im Netz immer vor Augen haben.

Es gibt jedoch noch ein weiteres Problem, welches viele Nutzer schlichtweg übersehen. Auch die Nutzer selbst können die geschützte Privatsphäre anderer verletzen. Es finden sich auf den Plattformen der bekannten sozialen Netzwerke eine Vielzahl von Partyfotos oder vermeintlich lustige Videos mit feiernden und betrunkenen Freunden und Bekannten. Auch wenn eine solche Veröffentlichung als harmloser Spaß gedacht war, erlaubt ist das nicht. Denn das Recht am eigenen Bild besagt, dass die abgebildeten Personen um Erlaubnis gefragt werden müssen, bevor Fotos oder Informationen von ihnen online gestellt werden dürfen.

Findet man beispielsweise Bilder von sich in sozialen Netzwerken oder anderswo im Internet, ohne vorher gefragt worden zu sein, besteht einen rechtlicher Anspruch darauf, dass sie entfernt werden. Die Rechtsverletzer sind, falls nicht ohnehin bekannt, in der Regel unproblematisch zu ermitteln. Anonymität im Internet gibt es nicht, da die erforderlichen Daten der betreffenden Person zum Beispiel über die IP-Adresse des Computers ausfindig gemacht werden können.

Zum Beweis der Rechtsverletzung ist es jedenfalls immer wichtig, einen Screenshot der Profil- bzw. Internetseite zu erstellen und zu speichern. Ein Rechtsanwalt kann damit die mögliche Rechtsverletzung besser prüfen und danach entscheiden, wie hierauf reagiert werden sollte. Man sollte keine Scheu haben, sich rechtliche Unterstützung zu besorgen. Nicht jeder findet es witzig, wenn er nach einer durchzechten Nacht feststellen muss, dass er dank eines skandalträchtigen Bildes auf Facebook zum Tagesgespräch im Büro geworden ist. Der Weg von der allgemeinen Belustigung auf Kosten einzelner bis zum Cyber-Mobbing ist kurz.

Das Internet der heutigen Generation lebt von Inhalten, die von den Nutzern selber erstellt werden, etwa Nachrichten, Texte, Fotos, Videos oder Musikdateien. Man spricht vom Web 2.0 – eine völlig neue Dimension der Kommunikation. Das alles bringt ohne Zweifel erhebliche Vorteile mit sich. Aber als Nutzer muss man sich stets darüber bewusst sein, dass man rechtlich für sein Handeln verantwortlich ist. In diesem Sinne: bleiben Sie wachsam!

Text: Thomas G. Than

Foto: Matthew Henry

So finden Sie uns
Soziale Medien

© Copyright 2017 UMW. Alle Rechte vorbehalten.